Das süße Gift der Medienschelte

Es hätte so schön sein können. Ein Abend unter Freunden. Bierchen trinken, ein sechsgängiges Trüffelmenü genießen und unverfänglich über Belanglosigkeiten reden. So wie es die meisten Menschen tun, die das ungeschriebene Gesetz der Konversation befolgen, in geselliger Runde nicht über Politik, Religion oder Geld zu sprechen.
Letzten Freitag kommt es aber anders. Es wird politisch und am nächsten Morgen entschuldige ich mich bei einem Freund und beschließe diesen Blogeintrag zu verfassen. Ich schreibe ihn für mich und meinen Freund Timo (Name geändert), mit dem ich an diesem Abend in Streit geraten bin.

„Die Medien kehren doch immer unangenehme und unbequeme Nachrichten unter den Teppich.“

„Es ist doch so, die Medien schneiden immer links und rechts vom Mainstream die Berichterstattung ab. Bloß keine Extreme! Das könnte ja für Unruhe sorgen.“

Es sind diese Aussagen meines Freundes, die das launige Beisammensein zur Diskussion werden lassen. Schon oft sind mir derartige Aussagen begegnet, aber noch nie war mir jemand so nah, der sein Misstrauen den etablierten Medien gegenüber so offen vertritt.

Also frage ich: „Kannst du diesen Vorwurf präzisieren?“

Er kann!

„Wie war das denn mit diesen Vorfällen am Hauptbahnhof in Köln zu Silvester? Das sollte erst kleingehalten werden und dann wurde es in den Medien verharmlost dargestellt. Erst ein halbes Jahr später wurde dann das ganze Ausmaß öffentlich gemacht! Zum Beispiel, dass dort Frauen vergewaltigt wurden und ihnen die Finger in die …“

Ich zücke mein Handy, gebe „Vergewaltigung Hauptbahnhof Köln“ ein und stelle als Suchzeitraum den Jahreswechsel 2015/2016 ein.

Sofort ist klar, dass ab Montag dem 04.01.2016 mehrere Mainstreammedien über die Vorfälle berichtet haben und dass sehr wohl der Begriff „Vergewaltigung“ in diesem Kontext verwendet wird. In mehreren Fällen sogar in der Überschrift.

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Damit ist klar, wer am Tisch die Wahrheit auf seiner Seite hat. Mein Handydisplay wird als Beweisstück A in den Prozess gegen meinen Freund eingebracht.
Die Situation am Tisch entspannt sich, Smalltalk, Witze, Bierchen. Aber die Differenzen sind nicht ausgeräumt.

In mir arbeitet es weiter. Wie kommt Timo zu dieser Aussage? Was macht ihn so sicher, dass ihm Informationen bewusst vorenthalten werden? Warum berührt ihn das offenkundig nicht nur intellektuell, sondern auch emotional? Und sollte ich nicht genau diese Fragen auch auf mich selbst beziehen? Warum kann ich diesen Vorwurf, der ja nicht einmal gegen mich persönlich gerichtet ist, nicht einfach als Meinung eines Freundes unkommentiert lassen?

Mir wird zunehmend bewusst, dass die Situation an unserem Tisch im Kleinen abbildet, was in unserer Gesellschaft im Großen passiert.

Wenn es um die Berichterstattung der Medien geht, läuft der Diskurs allzu schnell auf die Festlegung von „Richtig“ und „Falsch“, „Wahrheit“ und „Unwahrheit“ oder „Redlichkeit“ und „Lüge“ hinaus. Dabei liegt das entscheidende Problem auf einer anderen Ebene.

Mir wird dies deutlich, als mein Freund über WhatsApp Beweise  für seine Aussage verschickt.

sz

 

 

tagesspiegel

 

 

dlf

Quellen:
SZ
Tagesspiegel
Deutschlandfunk

Was zeigen seine Quellen?

Die SZ liefert in erster Linie ein Protokoll zur Berichterstattung in den ersten Tagen nach Silvester. Neben dem Argument, dass Redaktionen am Wochenende nur schwach besetzt sind, wird vor allem deutlich gemacht, dass die Informationen von Seiten der Polizei sehr zögerlich flossen.
Zentral ist auch die Feststellung, dass das Thema auch in den sozialen Netzwerken zunächst nicht aufgekommen sei.
Der entscheidende Wendepunkt sei, so die SZ, mit der Pressekonferenz von Polizei und Oberbürgermeisterin am Montag (04.01.2016) gekommen.

Ein Versagen der Medien, oder gar Vertuschung wird hier nicht deutlich. Sehr wohl aber eine fragwürdige Kommunikationspolitik der Polizei.

Im Text des Tagesspiegel hingegen wird sehr deutlich Medienkritik geäußert. Zitiert wird der ehem. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der ARD und ZDF vorwirft, dass sie ein „Schweigekartell“ bildeten, in welchem mittels „Nachrichtensperren“ versucht werde, Berichte über Fehlverhalten von Migranten und Ausländern zu verhindern. Das Ziel dieses Vorgehens? Die Bevölkerung solle nicht verunsichert werden. Entgegen ihrem Auftrag würden  ARD und ZDF also Inhalte danach filtern, was der Bevölkerung zuzumuten sei und was nicht.
Der Text macht aber auch deutlich, dass Friedrich nicht in der Lage war, seine Behauptung zu belegen.

Im Weiteren folgen dann eine Rechtfertigung des WDR bezüglich seiner Berichterstattung und eine Selbstkritik des ZDF. Man habe das Thema falsch eingeschätzt und dadurch mit der Berichterstattung 24 Stunden zu spät begonnen.

Der Deutschlandfunk stellt die Ergebnisse einer Studie über die Berichterstattung zur Silvesternacht in Köln vor. Die darin enthaltene Kritik bezieht sich aber nicht auf den Zeitpunkt der Berichterstattung, sondern auf die Inhalte, welche die Opfer und deren Erlebnisse zu wenig im Blick gehabt habe.
Ein Vorwurf, der bei der Berichterstattung zu Verbrechen häufiger geäußert wird.

Wie sind diese Hinweise in Bezug auf den Streit zwischen mir und meinem Freund zu bewerten?

Ich denke es wird deutlich, dass sich Timo die Aussagen von Hans-Peter Friedrich (CSU) zu Eigen gemacht hat. Sie scheinen den Kern unseres Streits zu betreffen. Die  Quellen zeigen aber auch, dass die Überzeugung meines Freundes nicht aus einer radikalen Facebook-Filterblase erwächst, sondern, dass sie mit einer Studie und Berichten aus eher links-liberalen Quellen in Bezug gesetzt wird.

Zu besichtigen ist also nicht nur Kritik, sondern auch Enttäuschung. Blickt man auf die Rückseite der Argumentation meines Freundes, so wird eine Anspruchshaltung gegenüber den Medien deutlich.

  • Medien sollen sich schnell vor Ort ein Bild machen und nicht auf Polizeiberichte warten.
  • Medien sollen möglichst umfassend mit allen Beteiligten (auch möglichen Opfern) sprechen.
  • Medien sollen transparent machen, wer genau diese Beteiligten sind.
  • Medien sollen mit Informationen nicht taktieren, sondern sofort berichten.

Hinter diesen Ansprüchen steht ein hohes Maß an Vertrauensvorschuss, die Bereitschaft den Medien Glauben zu schenken, wenn diese Bedingungen erfüllt sind.
Offenkundig wurde dieses Vertrauen bei meinem Freund verspielt; und die Diskussion um die „Lügenpresse“ zeigt, dass er keinesfalls der Einzige ist, der so empfindet.

Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Medien Probleme damit haben, die oben genannten Bedingungen zu erfüllen. Eine Berichterstattung die leisten möchte, was mein Freund erwartet, braucht enorme Ressourcen! Es braucht viele motivierte, gut ausgebildete und ökonomisch unabhängige Reporter. Es braucht Redakteure, Redaktionsleiter, CvDs und Intendanten, die mutig Entscheidungen treffen und ggf. bereit sind, sich mit der Politik aber auch mit Lesern/Zuhörern/Zuschauern anzulegen.

Wer mit Medienschaffenden spricht, der wird feststellen, dass diese Voraussetzungen immer weniger gegeben sind. Der Nachrichtenstrom speist sich in hohem Maße aus Meldungen von Agenturen wie der dpa, die wiederrum häufig aus Presseerklärungen, Polizeiberichten und Interviews  generiert werden.
Es ist eben verdammt teuer ein großes Netzwerk aus gut bezahlten Reportern zu unterhalten, die vor Ort recherchieren. Es war in der Silvesternacht schlicht kein Reporter auf der Domplatte. Es war auch nur wenig Polizei dort. Medien und Staat waren in dieser Nacht an diesem Ort schwach vertreten. Es war niemand da, der die Story als Story hätte erkennen und veröffentlichen können. Genau das ist aber absolute Voraussetzung für jegliche Berichterattung.

Zugleich führt dieser Mangel des „Vor-Ort-Seins“ auch dazu, dass sich die Berichterstattung in den Medien angleicht. Überall finden sich die gleichen Zitate, die gleichen Themen, die gleichen Namen, die gleichen Bilder, die gleichen Talkshowgäste. Medienvielfalt und Meinungsvielfalt stellt man sich anders vor.

Ich habe also meinem Freund in diesem Punkt Unrecht getan. Es ist scheinbar etwas dran an seinem Vorwurf, die Medien würden die Vielfalt gesellschaftlicher Ereignisse nicht richtig abbilden. Vielleicht wird das Spektrum unseres politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen, geographischen, sozialen und ideologischen Umfelds tatsächlich nicht angemessen medial kommuniziert?
Vielleicht gibt es mehr Menschen, als man bisher dachte, deren Lebensrealität in diesen unzureichend beleuchteten Bereichen der Wirklichkeit stattfindet und deren Sicht auf die Welt nur unzureichend abgebildet wird?

Ich glaube, dass da etwas dran ist und ein Workshop mit jungen Nachwuchsjournalisten, welchen ich nur einen Tag nach dem Streit mit meinem Freund moderiert habe, kam ebenfalls zu diesem Ergebnis.
Es gibt in unserer Gesellschaft ein Kommunikationsproblem!

Teile der Bevölkerung nehmen nicht mehr an jenem Diskurs teil, in welchem ausgehandelt wird, was als „Realität“ empfunden wird und welche Probleme auf der Agenda stehen. Eher drängt sich das Gefühl auf, dass man diesen Diskurs nur noch im Privaten über facebook- und Whatsapp-Gruppen führen kann; und dass die entscheidenden Informationen nur im Internet bei alternativen Medien zu finden seien.

Habe ich meinem Freund also zu Unrecht einen Streit aufgezwungen, weil ich sein Anliegen nicht verstanden habe?

Ja, teilweise habe ich das.

„Was hättest du von den Medien erwartet?“

„Welcher Motivation folgen deiner Ansicht nach die Medien?“

So  hätten meine Fragen lauten können, anstatt ihn zu attackieren. Im Grunde habe ich reagiert, wie auch der mediale Mainstream  häufiger reagiert. Mit einer Faktenoffensive, die das Gegenüber zum Verstummen bringen soll.

Möglicherweise hätte man sich dem Thema konstruktiver nähern können.

Allerdings gibt es da noch einen anderen Aspekt. Dieser ist es auch, der die Auseinandersetzung für mich so emotional macht.

Die Kritik meines Freundes enthält eine zweite Ebene, die nach meiner Überzeugung politisch sehr gefährlich ist.

Nur weil ein konservativer Politiker wie Hans-Peter Friedrich die Gunst der Stunde nutzt, um ungerechtfertigt Pauschalkritik zu äußern, darf man dem nicht einfach blind folgen!
Friedrich weiß selbst genau, dass im Zusammenhang mit der Silvesternacht in erster Linie die Polizei zu kritisieren ist. Sie hat die Menschen auf der Domplatte nicht schützen können und hat danach schlecht informiert. Eine Presseerklärung zum 02.01.2016, mit einer sachgerechten Darstellung der Ereignisse, hätte zu jenem Presseecho geführt, welches dann nach der Pressekonferenz am 04.01.2016 auch erklang.

Allerdings zwei Tage früher!

So blieb ein ganzes Wochenende Zeit, den Vorwurf der bewussten Vertuschung aufzubauen.

Friedrich zieht es vor, ARD und ZDF an den Pranger zu stellen, weil er den Applaus vom rechten Rand sucht. Friedrich denkt, dass er so viele der kommunikativ abgehängten Menschen erreicht. Aber er bekommt hauptsächlich den Applaus jener, die aus den weiter oben dargelegten Schwächen der Medien den Schluss ziehen, dass unser demokratisches System kaputt sei, da Medien und Politik ihre Weltsicht nicht verbreiten. Sie würden es begrüßen, wenn die Berichterstattung ausschließlich aus Xenophobie, Rassismus und Homophobie bestünde. Jeder der diese Weltsicht nicht teilt, wird zum Gegner ernannt. Diese Einstellung läuft den Werten des Grundgesetztes zuwider. Hier will eine kleine Gruppe „Volk“ einer großen Gruppe „Volk“ die Herrschaft entreißen, indem sie dessen demokratisch organisiertes Medien- und Machtsystem massiv infrage stellt. Die CSU zieht aus Friedrichs Manöver keinen echten Nutzen, denn sie gehört auch zum „kaputten System“. Friedrich schafft sich also praktisch selbst ab.

Albrecht Koschorke beschreibt das Phänomen so:

„(…) Diese Sicht (dass die Belange der einfachen Leute vor Ort nicht mehr repräsentiert werden [d. Autor]) nährt sich aber im Kern aus demselben Misstrauen, mit dem immer größere Teile der Bevölkerung auch den demokratisch gewählten Repräsentationsorganen begegnen, deren Vertreter sie mangelnder Bürgernähe bezichtigen. Dieses Misstrauen machen sich Populisten und autoritäre Führer zunutze, wenn sie alle intermediären Instanzen (z.B. die Medien [d. Autor]) zwischen sich und der angeblichen Volksmeinung zu umgehen oder auszuschalten versuchen.„

Die Silvesternacht von Köln bot dafür eine Steilvorlage. Eine schwächelnde CSU, die in der AfD eine große konservative Konkurrenz sieht, sah hier die Chance, am rechten Rand Werbung für sich zu machen.

Ich denke, dass ich als Demokrat verpflichtet bin, jedem (auch meinen Freunden) entgegenzutreten, wenn sie bewusst oder unbewusst diese Melodie anstimmen.

Man kann aus guten Gründen Polizei, Politik und Medien für ihren Umgang mit den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht kritisieren!
Daraus aber abzuleiten, „das System“ würde uns bewusst manipulieren, ist Wasser auf die Mühlen jener Kräfte, die nicht mehr, sondern weniger Meinungs- und Medienvielfalt wollen.
Jeder, der vier Tage nach den Übergriffen in Köln wissen wollte, was passiert war, konnte dies ohne Probleme erfahren. Es wurde sehr breit berichtet. Es wurde nicht beschönigt oder verschleiert.
Vier Tage nach den Übergriffen konnte jeder wissen, dass Flüchtlinge aus Marokko und Algerien in der Silvesternacht deutsche Frauen belästigt, begrapscht, bestohlen und in mindestens in einem Fall vergewaltigt haben.

Seit Juni 2016 kann man sich auf ZEIT.de durch eine umfassende Reportage mit einer schonungslosen Darstellung der Ereignisse klicken, die auch die Opferperspektive anbietet.

Wer nicht akzeptieren will oder akzeptieren kann, dass es diese Berichterstattung gibt, der akzeptiert eine falsche Realität und sollte sich ernsthaft fragen, warum er ein Bedürfnis danach verspürt, das System, in dem er lebt und das seine Grundrechte schützt, schlechter zu machen, als es ist.

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